Interesse an anderen


Die Weg von Arbeit zum Bahnhof war dank der großräumig angelegten Baustelle ein einziger Hindernisparcours. Weite Teile der Bordsteine waren den Umbaumaßnahmen des Platzes hinter dem Bahnhof zum Opfer gefallen. Wo das Auge auch hinsah erspähte es hastig errichtete, stark plakatierte Bretterzäune und schweres Gerät das ähnlich wie Giraffen im Zoo überall ihren Hals hervorreckten.


Große, blaue Rohre verliefen in der Luft hin und her, fanden in einem anderen Rohr einen Anschluss, knickten ab, knickten zu einem hin, dann wieder weg und verliefen wieder schnurr gerade als ob nie was gewesen war. Floyd erinnerte sich das es abends stets in den Rohren nur so rauschte. Ein angenehmes Geräusch, das ihn immer ein wenig an das Rauschen des Meeres erinnerte.
Die Erde war an mehreren Stellen aufgerissen, Bagger fraßen sich ins Erdreich, Menschen in orangefarbenen Westen und gelben Helmen liefen gemächlich hin und her, riefen sich gegenseitig was zu und waren für Floyd wohl immun gegen den gewaltigen Lärm den alles zusammen verursachte.
Zwischen all den Löchern verlief, einer Teststrecke gleich, die Strasse entlang. Es erschien Floyd als würde es für den Verkehr keine Baustellen oder Hindernisse geben. Mit unverminderter Geschwindigkeit flogen die Autos nahezu über die Strecke. Auf Fussgänger die am Rande der Strasse entlang gingen wurde weniger geachtet. Für diese Leute (und Floyd zählte zu ihnen) war jeder Tag ein wenig mit Leben und Tod verbunden. Es gab nur zwei Möglichkeiten die Strasse zu passieren. Die eine führte an einer schlecht zu überschauenden Stelle direkt über die Strasse und dann ein kleines Stückchen direkt am Rande der Fahrbahn entlang, die andere verlief die halbe Baustelle entlang und mündete dann schließlich in einen Zebrastreifen. Den Zebrastreifen nutze kaum jemand. In den Augen der meisten Leute war es ein zu großer Umweg. So kam es das fast alle Leute die die Strasse überqueren mussten die direkten aber gefährlicheren Weg wählte. Selbst kleine Schulkinder folgten dem Beispiel der Erwachsenden: Wann immer die zu überquerende Strasse mal frei war liefen sie in Rudeln auf die andere Seite und liefen eine Polonäse gleich die Fahrbahn entlang, die Fahrzeuge direkt neben ihnen.

Die Baustelle gab es nun seit über einen Jahr und sie schien mit jedem Tag ein Stückchen größer zu werden. Floyd hasste sie, hasste das Laufen auf der Strasse und seine Schwächlichkeit nicht doch einfach den langen aber sicheren Weg zu wählen. Den Rucksack auf den Schultern und mit flinken Blicken überprüfte er soweit ob alles frei war und lief dann über die Strasse. In Gedanken empfahl er sich wie jeden Mal am nächsten Tag einfach den längeren Weg zu nehmen und jedesmal ignorierte er es dann erneut.

Im Bahnhof angekommen erklomm er die Stufen zu seinem Gleis. Menschen schoben sich an ihm vorbei was Floyd ein wenig nervös machte. War diese Hetze nötig?
Oben angekommen verriet die Uhr Floyd, das er noch ein paar Minuten hatte bis sein Zug eintreffen würde. Er stellte sich ans Geländer direkt an der Treppe und dann sah er sie. Wenige Meter von ihm entfernt hockte ein junges Mädchen und weite bitterlich. Den einen Arm hatte sie um ihre Knie geschlungen, mit dem anderen versuchte sie sich die Tränen aus den Augen zu wischen. Ihre Augen waren gerötet und glänzend glasig. Sie schluchzte vor sich hin und murmelte etwas vor sich hin. Die Leute um sie herum nahmen keine Notiz von ihr. Kalt wie Fischen gingen sie ihren eigenen Angelegenheiten nach und ignorierten ihre Umwelt. Das Mädchen mochte um die 15 vielleicht 16 Jahre alt sein, dachte sich Floyd. Sie hatte schulterlanges, glattes, dunkelblondes Haar das leblos an ihr hinunter hing. Ihr Gesicht war klein und schmal, wirkte kantig und durch die Tränen doch zerbrechlich. Ihre Arme waren dünn und lang. Sie trug Jeans, leicht ausgetretene Sneakers und einen dünnen, verwaschenen geringelten Pullover mit dem sie versuchte die Tränen aufzusaugen die schier unaufhörlich aus ihren Augen flossen. Sie wühlte in ihren Taschen, als ihr jemand ein Papiertaschentuch vor die Nase hielt. Ein Zug fuhr ein, er bemerkte es nicht. Wieder gab es Bewegung auf dem Bahnsteig. Leute stiegen aus, Leute stiegen ein, schoben sich aneinander vorbei und sahen zu das sie Land gewannen. Floyd beachtete sie nicht, er sah nur auf das Mädchen und die junge Frau die sich neben das Mädchen hockte. Sie sah zu wie das Mädchen sich die Tränen aus den Augen wischte. Der Zug setzte sich quietschend in Bewegung und das Mädchen schnäuzte hingebungsvoll ins Taschentuch. Die junge Frau sprach das Mädchen an, fragte ob alles mit ihr in Ordnung sei. Das Mädchen antwortete mit Schluchzen und die Frau nickte aufmerksam. Was das Mädchen konnte Floyd nicht verstehen, dafür sprach sie zu leise und durch das Schluchzen zu abgehackt. Er malte sich aus das es vielleicht um eine nicht bestandene Prüfung oder eine nicht erwiderte Liebe ging. So etwas ging Floyd nahe. Der nächste Zug fuhr ein und fuhr dann wieder ab aber Floyd übte weiterhin stumme Anteilnahme.

Als das Mädchen geendet hatte ihr Leid zu klagen, legte die Frau ihre Hand auf ihre Schulter und fragte ob es ihr besser ging. Das Mädchen nickte kurz und Floyd erschein es als ob er für einen Moment ein Lächeln über ihr Gesicht huschen sah. Die beugte sich zu dem Mädchen und sagte etwas zu ihr das durch die Geräusche des nächsten Zuges verschluckt wurde. Floyd registrierte das es sein Zug war der eingefahren war. Mit eine Mischung aus Unbehagen und der Hoffnung das es dem Mädchen nun besser ging betrat er den Zug und durch die Scheiben hinaus. Die Frau hatte dem Mädchen die Hand auf die Schulter gelegt, nickte ihr kurz zu, gab ihr ihre Taschtuchpackung, erhob sich und ging dann ihres Weges.

Kaum war die Frau davon geeilt, schüttelte sich das Mädchen kurz und fing wieder an zu weinen. Floyd wollte hinaus eilen, doch die Türen waren bereits verriegelt. Der Zug setzte sich langsam in Bewegung. Floyd sah dem Mädchen nach wie es weinte bis sie aus seinem Blickfeld verschwunden war. Sie sah weniger traurig aus als zuvor…

  1. #1 von Sophie am 5. September 2006 - 20:49

    Vielleicht lernt es Floyd noch, öfter über seinen Schatten zu springen und nicht so viel nachzudenken.

    (vgl. hier: http://blog.yumachi.de/?p=44)

  2. #2 von Huhn am 6. September 2006 - 21:38

    Ich denke, Floyd ist ein warmherziger und mitfühlender Mensch, sonst würde er sich nicht solche Gedanken um seine Mitmenschen machen. Beim nächsten Mal hat er sicher ein Päckchen Taschentücher parat, das er dem Mädchen geben kann.

    PS: ich habe voll schlechtem Gewissen heute den Zebrastreifen benutzt und bin dabei fast von einem Laster erwischt worden. Ich glaube, die Autos rechnen schon gar nicht mehr damit, daß jemand den Umweg (ca. 1 Min. länger) nimmt…

(wird nicht veröffentlicht)