{"id":419,"date":"2009-02-24T10:02:24","date_gmt":"2009-02-24T09:02:24","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.yumachi.de\/?p=419"},"modified":"2009-02-24T10:02:24","modified_gmt":"2009-02-24T09:02:24","slug":"verwahrlost-im-dauerkarneval","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.yumachi.de\/?p=419","title":{"rendered":"Verwahrlost im Dauerkarneval"},"content":{"rendered":"<p>Sehr am\u00fcsanter und auch wahrer Artikel \u00fcber K\u00f6ln aus der <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/panorama\/485\/459130\/text\/\">sueddeutschen<\/a>:<\/p>\n<p><strong>K\u00f6ln und das Prinzip der ganzj\u00e4hrigen Session: Die Stadt wird nicht versch\u00f6nert, sie wird verh\u00f6hnert.<\/strong><br \/>\n<em>Eine Au\u00dfenansicht des Kabarettisten und K\u00f6lners J\u00fcrgen Becker <\/em><\/p>\n<p>Karnevalisierung hei\u00dft Umkehrung&#8220; schrieb der Anglist Dietrich Schwanitz. &#8222;Der Narr wird K\u00f6nig, der K\u00f6nig wird erniedrigt.&#8220; In keiner anderen Stadt betreibt man die Umkehrung so unumkehrbar wie in K\u00f6ln.<\/p>\n<p>Von au\u00dfen betrachtet hatte die heilige Messe am 9. Januar etwas Blasphemisches: Drei bunt kost\u00fcmierte Karnevalisten werden bei einem pomp\u00f6sen Pontifikalamt im K\u00f6lner Dom am Altar vom Erzbischof eingesegnet. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes segnet Joachim Kardinal Meisner tats\u00e4chlich Prinz, Bauer und Jungfrau, die drei h\u00f6chsten Repr\u00e4sentanten im Inferno des rheinischen Frohsinns.<\/p>\n<p>Aber Karneval ist nicht gleich Ballermann, er kann sogar melancholisch sein, schlie\u00dflich war es das Christentum, das die Religion einst im Sinne von Schwanitz karnevalisierte: Gott in der Verk\u00f6rperung eines kleinen Kindes, in einer besonders armen Familie. Es war die komplette Umkehrung: vom Allm\u00e4chtigen hinunter zum abgeh\u00e4ngten Prekariat. Daher nennt man im K\u00f6lner Volksmund Jesus jovial &#8222;Zimmermanns Jupp singe Jung&#8220;. In seinem Bestseller &#8222;Bildung&#8220; postuliert Schwanitz: &#8222;Aber Josef war gar nicht der Vater, sondern Gott! Daf\u00fcr, dass Josef das geglaubt hat, sprach man ihn heilig.&#8220;<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDiese Verr\u00fcckung der Verh\u00e4ltnisse erfordert Verr\u00fccktheit. &#8222;Jede Jeck is anders&#8220;, sagt der K\u00f6lner, jeder Verr\u00fcckte ist unterschiedlich. Veranstaltungen wie K\u00f6lsche Weihnacht brechen alle Besucherrekorde. Sie unterscheiden sich nur durch illuminierten Tannenkitsch vom Karneval, denn Weihnachten ist sch\u00f6n, aber in der Session st\u00f6rt es. Diese beginnt am 11.11. und endet nie wirklich.<\/p>\n<p>Nach Aschermittwoch hei\u00dft der Prinz Poldi, und auch wenn er bei Bayern M\u00fcnchen eher zum Ritter von der traurigen Gestalt geworden ist, die K\u00f6lner feiern ihn als Stellvertreter Gottes auf Erden. Betriebsunfall Benedikt beweist: Das k\u00f6nnen die Polen einfach besser als die Deutschen &#8211; so auch beim Fu\u00dfballgott. Die Umkehrung zeigt sich jedoch erst an den Zuschauerzahlen des 1.FC K\u00f6ln. Sie entwickelten sich stets reziprok zum Erfolg, in der zweiten Liga hatte der Verein mehr Zuschauer als die meisten Bundesligisten. Sp\u00e4testens in der Kreisklasse braucht K\u00f6ln ein gr\u00f6\u00dferes Stadion.<\/p>\n<p>Wer historische Ursachen f\u00fcr diese Umkehrung sucht, der findet mehr, als ihm lieb ist. Der K\u00f6lner Erzbischof Reinald van Dassel raubte im Jahr 1164 bei der brutalen Eroberung Mailands die angeblichen Knochen der Heiligen Drei K\u00f6nige. Durch den gr\u00f6\u00dften je im Abendland geschaffenen Goldsarkophag stilisierten die K\u00f6lner die banale Beute zur sensationellen Spitzenreliquie des Abendlandes. Noch heute strahlt das riesige Reliquiar von Nicolaus von Verdun im K\u00f6lner Dom geh\u00f6rig Respekt aus &#8211; man k\u00f6nnte Gefl\u00fcgelknochen vom Wienerwald hineinlegen, in diesem Marketing-Monstrum wird einfach alles heilig.<\/p>\n<p>Dass die Gebeine nicht wirklich von den Heiligen Drei K\u00f6nigen stammen, wei\u00df jeder Theologe, dies tat und tut aber dem Profit keinerlei Abbruch. K\u00f6ln wurde zum gr\u00f6\u00dften Pilgerzentrum n\u00f6rdlich der Alpen, und zumindest ein Teil des Doms war in nur siebzig Jahren fertig &#8211; rund um die Knochen. Als der Chor stand und die Knochen \u00fcberdacht waren, ging dem gro\u00dfspurigen Bauvorhaben allerdings f\u00fcr ein halbes Jahrtausend die Puste aus. Flei\u00df war nie das Markenzeichen des rheinischen Katholizismus, konnte man doch durch Handel, Schwindel und Kl\u00fcngel viel mehr verdienen. <\/p>\n<p>Die Aff\u00e4re um den K\u00f6lner CDU-Politiker Rolf Bietmann zeigt: Heute sind es Beratervertr\u00e4ge bei der Stadtsparkasse, die Einkommen ohne Leistung verhei\u00dfen. Der K\u00f6lner nimmt es gelassen, kennt er doch die immergleichen Schn\u00e4uzer- und Bartgesichter, die in der Stadtpolitik kungeln. Und er wei\u00df: Tats\u00e4chlich ist es besser, dass die Geld ohne Arbeit bekommen. Wenn die sich ernsthaft anschicken, etwas zu tun, wird&#8217;s in der Stadt erst richtig finster.<\/p>\n<p>K\u00f6ln ist eigentlich gar keine Stadt. &#8222;K\u00f6lle es e Jef\u00f6hl&#8220;, wie die H\u00f6hner jubilieren. Die Band trat fr\u00fcher vornehmlich im Karneval auf. Jetzt hat sie den Karneval auf das ganze Jahr erweitert und besingt vom FC \u00fcber Handball und dicken Frauen bis zur Billig-Pizza alles, was der K\u00f6lner konsumiert. Die Kunde ist immer gleich: Wir sind, wie wir sind &#8211; und wie wir sind, sind wir perfekt! Und &#8222;da simmer dabei&#8220;, wobei auch immer.<\/p>\n<p>Der richtige Soundtrack f\u00fcr eine Stadt, die wie im Dauerkarneval verwahrlost wirkt: Die Parks sind dreckig, die Brunnen laufen nicht mehr, jede zweite Rolltreppe ist kaputt, 90 Prozent der Neubauten sehen aus, als w\u00e4ren sie von ihren Architekten unter Alkoholmissbrauch entworfen worden. Der Oberb\u00fcrgermeister ist sich f\u00fcr nichts zu schade, er schaltet sich gar pers\u00f6nlich in den Transfer des heiligen Lukas zum heiligen Christoph ins heilige K\u00f6ln ein. Solch profaner Politkitsch w\u00fcrde nicht mal der Berliner Partynudel Wowereit in den Sinn kommen. Die Stadt wird nicht versch\u00f6nert, sie wird verh\u00f6hnert.<\/p>\n<p><strong>Der Humor segnet hier die Religion<\/strong><\/p>\n<p>Dennoch ist K\u00f6ln als Gemeinwesen immer noch fr\u00f6hlicher und lebendiger als andere deutsche St\u00e4dte. Der Zuzug in den rheinischen Kosmos nimmt stetig zu. Die Stadt empf\u00e4ngt den Fremden mit der ehrlichen Maxime: &#8222;Et h\u00e4tt noch emmer joot jejange.&#8220; Stillstand hei\u00dft hier auch ungest\u00f6rte Entspannung. Was st\u00f6rt einen die Globalisierung, wenn der innere Globus eh an der eigenen Stadtgrenze aufh\u00f6rt?<\/p>\n<p>Die Zugereisten sind die Vitaminspritzen gegen den Kater der Selbstbesoffenheit. So wurde auch der Dom letztlich von den Preu\u00dfen zu Ende gebaut, deren Arbeitseifer die deutsche Geschichte gepr\u00e4gt hat. Wer hat denn vor 48 Jahren in nur wenigen Stunden eine halbe Stadt zugemauert? Die protestantischen Preu\u00dfen in Berlin. In K\u00f6ln hat man f\u00fcr eine einzige Kirche mehr als 600 Jahre gebraucht. Heute, 20 Jahre nach dem Mauerfall, muss man sagen: In K\u00f6ln h\u00e4tte man die Mauer niemals eingerissen &#8211; die w\u00e4re noch gar nicht fertig!<\/p>\n<p>Jedoch bedarf auch unsere Wahrnehmung vom Dreigestirn im K\u00f6lner Dom einer Umkehrung. Im K\u00f6lner Karneval segnet die Religion den Humor &#8211; so scheint es zu sein. Aber ist es in Wahrheit nicht umgekehrt? Ist es nicht der Humor, der hier die Religion segnet? Die Welt zeigt uns doch tagt\u00e4glich, dass Religion ohne Humor vor allem eines ist: brandgef\u00e4hrlich! Zudem waren fr\u00fcher die Kirchen die h\u00f6chsten Geb\u00e4ude, heute sind es die Banken. Sie deshalb ernst zu nehmen, ist v\u00f6llig falsch. Vieles, was sie uns verkaufen, ist ein Witz. Wir waren leichtgl\u00e4ubig wie Josef und sind doch nur Gl\u00e4ubiger, die leer ausgehen. Wer karnevalisiert uns nun den Kapitalismus?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sehr am\u00fcsanter und auch wahrer Artikel \u00fcber K\u00f6ln aus der sueddeutschen: K\u00f6ln und das Prinzip der ganzj\u00e4hrigen Session: Die Stadt wird nicht versch\u00f6nert, sie wird verh\u00f6hnert. 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