{"id":60,"date":"2006-09-14T22:33:22","date_gmt":"2006-09-14T20:33:22","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.yumachi.de\/?p=56"},"modified":"2006-09-14T22:33:22","modified_gmt":"2006-09-14T20:33:22","slug":"der-gepard","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.yumachi.de\/?p=60","title":{"rendered":"Der Gepard"},"content":{"rendered":"<p>Es war ein herrlich warmer Sonntagnachmittag als Floyd mit seiner Begleitung den Zoo betrat. Die Sonne schien mit dem Azur des Himmels sich einen regelrechten Wettstreit zu liefern wer mehr und sch\u00f6ner von beiden strahlen konnte. Weit und breit war der Himmel klar so als ob Wolken lediglich eine Erfindung des menschlichen Geistes seien.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nDer Zoo war gut besucht, bot aber genug Fl\u00e4che so dass die Menschenmassen sich hervorragend \u00fcber den ganzen Zoo verteilen konnten. Somit wurde nichts vollst\u00e4ndig verdeckt und es gab es auch keinerlei Problem einen Blick auf die Tiere in ihren Gehegen zu erhaschen. Kinder liefen umher, \u00fcberall gab es was zusehen und ein Tier schien s\u00fc\u00dfer oder imposanter als das n\u00e4chste zu sein. Da wurden Familienmitglieder von Kinderhand von einem Gehege zum anderen gezerrt, dort wurde ein Bub ausgeschimpft weil er einem Waschb\u00e4r von seiner Zuckerwatte hatte naschen lassen wollte. Kinder die nicht liefen wurden von den V\u00e4tern im Bollerwagen durch die Gegend gezogen. \u00dcberall herrschte reges Treiben.<\/p>\n<p>Den Tieren wiederum schien das ganze nicht wirklich nahe zugehen. Mit einer stoischen Ruhe ignorierten sie die Menschen und genossen das gute Wetter. Die Erdm\u00e4nnchen beispielsweise gruben ein wenig im Erdreich und lie\u00dfen sich die Sonne auf den Bauch scheinen. Die Flusspferde wiederum lagen faul im Sand oder k\u00fchlten sich im Wasser ein wenig ab. Meister Petz hingegen hing wie ein nasser Sack auf einer Art von Kletterger\u00fcst. Sein dicker Pelz war nicht wirklich von Vorteil bei diesen Temperaturen. Doch, so erschien es Floyd, der B\u00e4r schien nicht dran zu denken den Weg in den Schatten anzutreten. Entweder war er hart im nehmen oder einfach zu faul sich bei der W\u00e4rme zu bewegen. \u2028Ein Waschb\u00e4r tastete in einem kleinen k\u00fcnstlichen Fluss nach etwas essbaren. Er tastete sich vor, dann zur\u00fcck, einmal links und sp\u00e4ter einmal rechts herum. Es hatte etwas von einem kleinen Tanz und war putzig anzusehen.<br \/>\nDen meisten Spa\u00df jedoch hatten die Wasserbewohner. Die Robben schwammen vergn\u00fcgt durch das Wasser, hoben kurz den Kopf, stie\u00dfen schnaubend ein wenig Wasser aus und tauchten wieder ab. Selbige galt auch f\u00fcr die Pinguine. Abgesehen von einigen wenigen schwammen sie vergn\u00fcgt im Wasser umher. Der Rest sonnte sich oder putzte sorgf\u00e4ltig sein Gefieder.<\/p>\n<p>Vergn\u00fcgt und angetan schlenderte Floyd plus Begleitung an den verschiedenen Tieren vorbei. Blieben hier und da mal stehen, machten ein Foto um dann in Ruhe weiter zu schlendern.<\/p>\n<p>Nach einer ganzen Weile, kamen sie zum Gehege der Raubkatzen. Majest\u00e4tisch war der Anblick allerdings nicht: L\u00f6we wie L\u00f6win lagen tr\u00e4ge auf dem Boden und g\u00e4hnten herzhaft, wobei sie mit ihren Rei\u00dfz\u00e4hnen das kurzweilig bei den Zuschauern entstandene Image von Schmusekatzen sorgsam abstreiften.<\/p>\n<p>Im kleineren, anschlie\u00dfenden Gehege war ein Gepard heimisch. Die Wand die ihn von der Au\u00dfenwelt abtrennte war an einigen Stellen transparent, mit einer Art von Glas versehen. An einer jener Stellen hatte sich eine verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gro\u00dfe Anzahl von Menschen eingefunden. Auf der anderen Seite schritt der Gepard auf und ab, auf der anderen klopften kleine Kinder wild und aufgeregt gegen die Scheibe und jauchzten vergn\u00fcgt auf wenn der Gepard an ihnen vorbei schritt. Immer und immer wieder schritt er nur die eine transparente Stelle ab, so als wolle er sicher gehen auch ja gesehen zu werden. Immer und immer wieder, mit der Routine eines mechanischen Apparates.<\/p>\n<p>Floyd besorgte das Antlitz des Tieres: M\u00fcde, sehr m\u00fcde sah es bei genauer Betrachtung aus. Obwohl sein Gang weich, mit katzenartiger Eleganz und Geschmeidigkeit ausgef\u00fchrt wurde fehlte ihm etwas. Es wirkte in Floyds Augen keineswegs majest\u00e4tisch, eher geschauspielert und verbittert. Er ging vor der Wand in die Knie und sah sich das Tier genauer an: Auf und ab, hin und her schritt die Raubkatze umher. Dem Geschrei und dem Geklopfe schenkte sie keine Aufmerksamkeit. Nur Floyd sah sie beim Vorbeigehen kurz aus den Augenwinkeln an so das Floyd sich in Gedanken gen\u00f6tigt sah  zu fragen wer hier wen beobachtete. Waren es die Menschen die den Geparden beobachteten oder umgekehrt?<\/p>\n<p>Er erschrak als er in die Augen des Tieres sah. Sie sahen leer und ausgebrannt aus. Das Tier wirkte ersch\u00f6pft. Was mit ihm los war fragte sich Floyd und verfluchte insgeheim die Kinder die weiter wie toll auf das Glas einschlugen. Der Gepard tat Floyd leid, er empfand dass das Tier ungl\u00fccklich war. Es war sicher nicht gerne hier, hatte sicher seit seiner Gefangennahme auf die M\u00f6glichkeit zur Flucht gehofft und musste zuletzt einsehen, dass es keine Chance f\u00fcr ihn gab die Freiheit wieder zu erlangen. Das Wilde, das Tier in diesem Gepard war gebrochen. Er hatte sich wohl nie wirklich mit seiner Situation arrangieren k\u00f6nnen und schleppte sich nun durch die Tage mit der wohl irrenden Hoffnung eines Tages vielleicht doch entkommen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Als Floyd sich erhob wendete sich der Gepard \u00fcberraschend ab und verschwand im Unterholz, sehr zur Trauer der Kinder die ver\u00e4rgert nach ihm riefen. Floyd sah ihm nach bis er ihn nicht mehr sehen konnte, dann ging er leicht bedr\u00fcckt weiter. Das ganze erinnerte ihn an etwas, doch es fiel ihm erst zu Hause ein: Von solch einer \u00e4hnlichen Situation hatte er gelesen. Es war ein kurzes Gedicht gewesen. Er holte nach einigem Suchen den Gedichtband hervor und las:<\/p>\n<p><em>Der Panther<\/em><\/p>\n<p><em>Im Jardin des Plantes, Paris<\/em><\/p>\n<p><em>Sein Blick ist vom Vor\u00fcbergehn der St\u00e4be<br \/>\nso m\u00fcd geworden, dass er nichts mehr h\u00e4lt.<br \/>\nIhm ist, als ob es tausend St\u00e4be g\u00e4be<br \/>\nund hinter tausend St\u00e4ben keine Welt.<\/em><\/p>\n<p><em>Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,<br \/>\nder sich im allerkleinsten Kreise dreht,<br \/>\nist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,<br \/>\nin der bet\u00e4ubt ein gro\u00dfer Wille steht.<\/em><\/p>\n<p><em>Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille<br \/>\nsich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,<br \/>\ngeht durch der Glieder angespannte Stille &#8211;<br \/>\nund h\u00f6rt im Herzen auf zu sein.<\/em><\/p>\n<p><em>Rainer Maria Rilke, 6.11.1902, Paris<\/em><\/p>\n<p>Beim Lesen der Zeilen kamen ihm die Momente des Besuchs beim Geparden wieder in den Sinn. Er klappte das Buch zu seufzte schwer \u00fcber das trauriges Los eines stolzen Wesens.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war ein herrlich warmer Sonntagnachmittag als Floyd mit seiner Begleitung den Zoo betrat. Die Sonne schien mit dem Azur des Himmels sich einen regelrechten Wettstreit zu liefern wer mehr und sch\u00f6ner von beiden strahlen konnte. 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