{"id":64,"date":"2006-09-04T22:05:18","date_gmt":"2006-09-04T20:05:18","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.yumachi.de\/?p=60"},"modified":"2006-09-04T22:05:18","modified_gmt":"2006-09-04T20:05:18","slug":"interesse-am-anderen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.yumachi.de\/?p=64","title":{"rendered":"Interesse an anderen"},"content":{"rendered":"<p>Die Weg von Arbeit zum Bahnhof war dank der gro\u00dfr\u00e4umig angelegten Baustelle ein einziger Hindernisparcours. Weite Teile der Bordsteine waren den Umbauma\u00dfnahmen des Platzes hinter dem Bahnhof zum Opfer gefallen. Wo das Auge auch hinsah ersp\u00e4hte es hastig errichtete, stark plakatierte Bretterz\u00e4une und schweres Ger\u00e4t das \u00e4hnlich wie Giraffen im Zoo \u00fcberall ihren Hals hervorreckten.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nGro\u00dfe, blaue Rohre verliefen in der Luft hin und her, fanden in einem anderen Rohr einen Anschluss, knickten ab, knickten zu einem hin, dann wieder weg und verliefen wieder schnurr gerade als ob nie was gewesen war. Floyd erinnerte sich das es abends stets in den Rohren nur so rauschte. Ein angenehmes Ger\u00e4usch, das ihn immer ein wenig an das Rauschen des Meeres erinnerte.<br \/>\nDie Erde war an mehreren Stellen aufgerissen, Bagger fra\u00dfen sich ins Erdreich, Menschen in orangefarbenen Westen und gelben Helmen liefen gem\u00e4chlich hin und her, riefen sich gegenseitig was zu und waren f\u00fcr Floyd wohl immun gegen den gewaltigen L\u00e4rm den alles zusammen verursachte.<br \/>\nZwischen all den L\u00f6chern verlief, einer Teststrecke gleich, die Strasse entlang. Es erschien Floyd als w\u00fcrde es f\u00fcr den Verkehr keine Baustellen oder Hindernisse geben. Mit unverminderter Geschwindigkeit flogen die Autos nahezu \u00fcber die Strecke. Auf Fussg\u00e4nger die am Rande der Strasse entlang gingen wurde weniger geachtet. F\u00fcr diese Leute (und Floyd z\u00e4hlte zu ihnen) war jeder Tag ein wenig mit Leben und Tod verbunden. Es gab nur zwei M\u00f6glichkeiten die Strasse zu passieren. Die eine f\u00fchrte an einer schlecht zu \u00fcberschauenden Stelle direkt \u00fcber die Strasse und dann ein kleines St\u00fcckchen direkt am Rande der Fahrbahn entlang, die andere verlief die halbe Baustelle entlang und m\u00fcndete dann schlie\u00dflich in einen Zebrastreifen. Den Zebrastreifen nutze kaum jemand. In den Augen der meisten Leute war es ein zu gro\u00dfer Umweg. So kam es das fast alle Leute die die Strasse \u00fcberqueren mussten die direkten aber gef\u00e4hrlicheren Weg w\u00e4hlte. Selbst kleine Schulkinder folgten dem Beispiel der Erwachsenden: Wann immer die zu \u00fcberquerende Strasse mal frei war liefen sie in Rudeln auf die andere Seite und liefen eine Polon\u00e4se gleich die Fahrbahn entlang, die Fahrzeuge direkt neben ihnen.<\/p>\n<p>Die Baustelle gab es nun seit \u00fcber einen Jahr und sie schien mit jedem Tag ein St\u00fcckchen gr\u00f6\u00dfer zu werden. Floyd hasste sie, hasste das Laufen auf der Strasse und seine Schw\u00e4chlichkeit nicht doch einfach den langen aber sicheren Weg zu w\u00e4hlen. Den Rucksack auf den Schultern und mit flinken Blicken \u00fcberpr\u00fcfte er soweit ob alles frei war und lief dann \u00fcber die Strasse. In Gedanken empfahl er sich wie jeden Mal am n\u00e4chsten Tag einfach den l\u00e4ngeren Weg zu nehmen und jedesmal ignorierte er es dann erneut.<\/p>\n<p>Im Bahnhof angekommen erklomm er die Stufen zu seinem Gleis. Menschen schoben sich an ihm vorbei was Floyd ein wenig nerv\u00f6s machte. War diese Hetze n\u00f6tig?<br \/>\nOben angekommen verriet die Uhr Floyd, das er noch ein paar Minuten hatte bis sein Zug eintreffen w\u00fcrde. Er stellte sich ans Gel\u00e4nder direkt an der Treppe und dann sah er sie. Wenige Meter von ihm entfernt hockte ein junges M\u00e4dchen und weite bitterlich. Den einen Arm hatte sie um ihre Knie geschlungen, mit dem anderen versuchte sie sich die Tr\u00e4nen aus den Augen zu wischen. Ihre Augen waren ger\u00f6tet und gl\u00e4nzend glasig. Sie schluchzte vor sich hin und murmelte etwas vor sich hin. Die Leute um sie herum nahmen keine Notiz von ihr. Kalt wie Fischen gingen sie ihren eigenen Angelegenheiten nach und ignorierten ihre Umwelt. Das M\u00e4dchen mochte um die 15 vielleicht 16 Jahre alt sein, dachte sich Floyd. Sie hatte schulterlanges, glattes, dunkelblondes Haar das leblos an ihr hinunter hing. Ihr Gesicht war klein und schmal, wirkte kantig und durch die Tr\u00e4nen doch zerbrechlich. Ihre Arme waren d\u00fcnn und lang. Sie trug Jeans, leicht ausgetretene Sneakers und einen d\u00fcnnen, verwaschenen geringelten Pullover mit dem sie versuchte die Tr\u00e4nen aufzusaugen die schier unaufh\u00f6rlich aus ihren Augen flossen. Sie w\u00fchlte in ihren Taschen, als ihr jemand ein Papiertaschentuch vor die Nase hielt. Ein Zug fuhr ein, er bemerkte es nicht. Wieder gab es Bewegung auf dem Bahnsteig. Leute stiegen aus, Leute stiegen ein, schoben sich aneinander vorbei und sahen zu das sie Land gewannen. Floyd beachtete sie nicht, er sah nur auf das M\u00e4dchen und die junge Frau die sich neben das M\u00e4dchen hockte. Sie sah zu wie das M\u00e4dchen sich die Tr\u00e4nen aus den Augen wischte. Der Zug setzte sich quietschend in Bewegung und das M\u00e4dchen schn\u00e4uzte hingebungsvoll ins Taschentuch. Die junge Frau sprach das M\u00e4dchen an, fragte ob alles mit ihr in Ordnung sei. Das M\u00e4dchen antwortete mit Schluchzen und die Frau nickte aufmerksam. Was das M\u00e4dchen konnte Floyd nicht verstehen, daf\u00fcr sprach sie zu leise und durch das Schluchzen zu abgehackt. Er malte sich aus das es vielleicht um eine nicht bestandene Pr\u00fcfung oder eine nicht erwiderte Liebe ging. So etwas ging Floyd nahe. Der n\u00e4chste Zug fuhr ein und fuhr dann wieder ab aber Floyd \u00fcbte weiterhin stumme Anteilnahme.<\/p>\n<p>Als das M\u00e4dchen geendet hatte ihr Leid zu klagen, legte die Frau ihre Hand auf ihre Schulter und fragte ob es ihr besser ging. Das M\u00e4dchen nickte kurz und Floyd erschein es als ob er f\u00fcr einen Moment ein L\u00e4cheln \u00fcber ihr Gesicht huschen sah. Die beugte sich zu dem M\u00e4dchen und sagte etwas zu ihr das durch die Ger\u00e4usche des n\u00e4chsten Zuges verschluckt wurde. Floyd registrierte das es sein Zug war der eingefahren war. Mit eine Mischung aus Unbehagen und der Hoffnung das es dem M\u00e4dchen nun besser ging betrat er den Zug und durch die Scheiben hinaus. Die Frau hatte dem M\u00e4dchen die Hand auf die Schulter gelegt, nickte ihr kurz zu, gab ihr ihre Taschtuchpackung, erhob sich und ging dann ihres Weges.<\/p>\n<p>Kaum war die Frau davon geeilt, sch\u00fcttelte sich das M\u00e4dchen kurz und fing wieder an zu weinen. Floyd wollte hinaus eilen, doch die T\u00fcren waren bereits verriegelt. Der Zug setzte sich langsam in Bewegung. Floyd sah dem M\u00e4dchen nach wie es weinte bis sie aus seinem Blickfeld verschwunden war. Sie sah weniger traurig aus als zuvor&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Weg von Arbeit zum Bahnhof war dank der gro\u00dfr\u00e4umig angelegten Baustelle ein einziger Hindernisparcours. Weite Teile der Bordsteine waren den Umbauma\u00dfnahmen des Platzes hinter dem Bahnhof zum Opfer gefallen. Wo das Auge auch hinsah ersp\u00e4hte es hastig errichtete, stark plakatierte Bretterz\u00e4une und schweres Ger\u00e4t das \u00e4hnlich wie Giraffen im Zoo \u00fcberall ihren Hals hervorreckten.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12,3,4],"tags":[],"class_list":["post-64","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-abwegige-phantasien","category-floydism","category-gedankensalat"],"views":45,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.yumachi.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/64","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.yumachi.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.yumachi.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.yumachi.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.yumachi.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=64"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.yumachi.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/64\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.yumachi.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=64"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.yumachi.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=64"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.yumachi.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=64"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}