Dankeschön für ihre Treue…


Die Rolltreppe trug meinen müden, nach Schlaf jammernden Körper hinab in die Katakomben des Kölner Hauptbahnhofes wo die KVB (Kölner Verkehrs Betriebe) mit ihren meist grell roten Straßenbahnen die Fahrgäste in Empfang nahm. Schon als ich von der Rolltreppe trat war er mir aufgefallen: Ein kleines Menschchen mit Brille das an jeder Seite einige Tüten aus Papier trug. Obwohl seine Bundfaltenhose, der dicke Pullover und die unter dem Pullover gelegentlich hervorblitzenden Hosenträgerverschlüsse ihm von der Größe her zu passen schien, so wirkte er auf mich jedoch ziemlich unpassend und unwohlig gekleidet. Eben in jener Art und Weise wie Kinder zu ganz besonderen Anlässen von ihren Eltern gekleidet werden. Für die Kinder eher ein leidiges Thema und dementsprechend schaut man dann auch meist drein. Seine Haare waren glatt zu einem Mittelscheitel gekämmt oder gegelt und je näher ich ihm kam desto mehr erinnerte er mich an Alfalfa von den kleinen Strolchen.

Zufrieden lächelte er mich und hielt mir eine Tüte entgegen. Ich nahm sie dankend an ohne einen Blick hinein zu werfen, das konnte ich noch später machen. Wie alte mochte er sein dachte ich mir dabei. Wie 16 sah er mir keineswegs aus, eher wie 14 oder 12?

„Guten Morgen! Dies ist eine kleines Dankeschön der Kölner Verkehrs Betriebe im Namen der VRS für Ihre Treue seit 20 Jahren“ sagte er mit leicht anklingenden, unterschwelligem Stolz in der Stimme.

Morgens in aller Frühe am Bahnhof zu stehen und an Passanten Tüten zu verteilen schien ihm ernsthaft Spaß zu machen. Vielleicht arbeitete er im Rahmen eines Schulpraktikums bei der KVB? Ich bezweifelte das einem Azubi eine solche Arbeit unbedingt Spaß machen würde.
Ich hob die Tüte in die Höhe: Auf einer Seite klebt ein großes Bild auf dem ein Päärchen an einer großen 20, mitten im Grünen, angelehnt saß und vor sich hin grinste. „20 VRS – Für alle, die Ziele haben“ stand dort geschrieben und „Dankeschön für Ihre Treue.“

Treue?

Das mit der Treue habe ich nicht immer ganz so ernst genommen wenn es um die Bewältigung von Strecken mit öffentlichen Verkehrsmitteln ging. Ich bin zwar nicht häufig, aber dann und wann schon mal ohne Fahrschein gefahren. Genaue Gründe dafür fielen mir eigentlich nicht dafür ein, vielleicht ein Akt jugendlicher Rebellion? Jedenfalls nahm ich es nicht unbedingt für wichtig für jede Strecke mit der Straßenbahn zu bezahlen was in 9 von 10 Fällen auch gut ging.

Ich sah den kleinen Mann in seinem grausigen Outfit an und versuchte zu lächeln. Sollte ich es ihm sagen? Für einen Moment spielte ich durch was passieren würde:

Vor meinem geistigen Auge spielte sich seine Reaktion herunter: das Entgleisen seiner Gesichtszüge, die Sammlung von Tränen in den Augenwinkeln als ich ihm offen gestehe nicht immer so ein treuer Kunde der öffentlichen Verkehrsmittel gewesen zu sein, das ich manchmal ohne Fahrschein und schlimmer noch: mit dem Auto statt Bus und Bahn gefahren bin. Er bricht in Tränen aus, sein Weltbild hat einen Sprung bekommen und ich, ich bin es schuld. Dann sehe ich nur zwei Varianten wie er dieses Geständnis aufnehmen könnte:

Variante 1: Mein Geständnis bricht ihm das Herz und unter Tränen wirft er sich vor eine Bahn bzw. stolpert – erblindet durch die Tränen – auf die Gleise wo … ach egal.

Variante 2: Mein Geständnis lässt sein Herz brodeln – er wird seine Ausbildung bei der KVB eines Tages als gnadenloser Kontrolleur abschließen. Ohne Mitleid zahlreiche Schwarzfahrer verknacken und sich dabei besonders auf mich und meine zukünftige Familie konzentrieren. Durch ihn wird die KVB der reichste Stadtverkehrsbetrieb der eines Tages mal so nebenbei google und whudat.de aufkauft bevor es dann an die Weltherrschaft geht…

Seine Augen strahlten mich freundlich an, ich schluckte, verstärkte mein lächeln und antwortete nur: „Danke! Dann auf die nächsten 20 Jahre…“

Während ich von dannen schritt konnte ich seine Fröhlichkeit in meinem Rücken wie spitze Pfeile spüren. Ich sagte mir, dass diese Lüge einzig und allein für meine Familie in Zukunft war während zu meiner Freude meine Straßenbahn einfuhr…

  1. #1 von Huhn am 20. September 2007 - 21:14

    Du solltest deine Kinder einfach zu ehrlichen Menschen erziehen…

  2. #2 von Fylgien am 23. September 2007 - 14:32

    hat dir schon mal jemand gesagt das du so ein schlechter mensch bist? ^^

  3. #3 von steuertusse am 24. September 2007 - 8:25

    ich habe ja zum glück ein job-ticket ;o))

    also ist meine zukünftige familie schon mal gesichert..
    höhö

  4. #4 von der Kaiser am 25. September 2007 - 19:41

    @Huhn
    Mal schauen was passiert

    @Fylgien
    Oft genug!

    @steuertusse
    Fehlt nur noch der Steuertyp, oder?

(wird nicht veröffentlicht)